Dies wäre Ihr Blog gewesen – Eine Zelebration des Konjunktivs
Vielleicht hat's der eine oder die andere (← vollständige Aufzählung meiner Leserschaft, mutmaße ich) gemerkt, aber ich habe in letzter Zeit nicht so viel gebloggt. Ich kann gar nicht so genau sagen warum (außer vielleicht der Wiederholung des Hinweises, dass ich vieles an kurzen Gedänkchen einfach Richtung Twitter loswerde). Noch viel weniger kann ich sagen, warum ich mich jetzt gerade bemüßigt fühle,* wieder loszubloggen, wo ich doch sonst überall und jederzeit klage, dass ich aus eigentlich nicht ganz greifbaren Gründen derzeit furchtbar im (Freizeit-) Stress bin. Aber das hier wären ja auch nicht meine Gedanken, wenn es wirklich Sinn machen würde.
Die letzten Monate habe ich mir immer mal kurze Notizen, meist in Form einer Eintragsüberschrift, über Dinge gemacht, die ich mal bloggen wollte. Diese Eintrags-Ansätze habe ich dann genau niemals tatsächlich geschrieben und jetzt fühlt sich das meiste davon etwas überholt an. Aber ich habe trotzdem gerade Lust, das mal anzureißen. Also:
byebyeTunes hätte davon gehandelt, dass ich vermutete, dass der amazon-MP3-Store aufrgund einiger Detailvorteile (unterschiedliche Preise für unterschiedliche Songs — bis runter zu 79 Cent, gleichzeitig auch mal 1.29 € oder so für 8-Minuten-Remixe –, MP3s nicht nur für iPods, generell kein DRM und vor allem simple, nicht nennenswert restriktive, funktionierende** Software) dazu in der Lage sei, iTunes das Wasser abzugraben. Hat zwar wohl nicht so recht geklappt; iTunes ist immer noch die Anlaufstelle der Wahl für die meisten, es gibt immer noch viel zu viele "iTunes exlusives". Wenigstens ich kann jetzt auch mal online und datenträgerlos Musik kaufen, auch wenn ich es oft bereue, z.B. wenn ich von meiner neuen Lieblingsband nun nicht alle CDs im Regal stehen habe, sondern einige nur auf der Festplatte rumfliegen.
This Is a Song About Boys and Girls hätte darauf hingewiesen, dass "Yes", das damals gerade erschienene Album der Pet Shop Boys, ganz wunderbar ist und wieder mal beißenden Sarkasmus, automatisierte gute Laune und Fußzucken mit einer heimlichen Ernsthaftigkeit und unterschwelligen Subtilität verbindet. (Lukas Heinser fragte dazu damals konkret zur Single "Pandemonium": "Was sagt es über unsere Generation aus, wenn derart großartige Songs von Männern um die fünfzig geschrieben werden müssen?" Was ich vielleicht noch mit dem Hinweis garnieren sollte, dass er dabei von einer Generation schreibt, zu der ich mich nur eingeladenerweise zugehörig fühlen darf.) Das Album habe ich natürlich nicht bei amazon gedownloadet, sondern als physikalisches Medium, konkret als Limited-Edition-Doppelmedium, erworben.
"Slumdog Millionaire" und "The Escapist" hätten von meinen damals aktuellen Kino- respektive DVD-Erlebnissen berichtet. Ersterer ein wunderwunderschöner Film, der, wäre nicht noch "Moon" gefolgt, wahrscheinlich von mir als persönlicher Film des Jahres tituliert werden würde; zweiterer einer der wenigen blind auf DVD gekauften Filme, deren Kauf ich ein bisschen bereue, obwohl Hauptdarsteller Brian Cox wie immer großartig ist und der Film auch nicht wirklich schlecht. Dennoch, werdet Ihr merken, glühende Empfehlungen läsen sich anders.
I Have a Dream hätte von meiner plötzlichen Erkenntnis im vergangenen Frühjahr (oder sogar dem davor liegenden Herbst?) gehandelt, dass ich schon immer mal surfen lernen wollte und plötzlich merkte, dass ich mich inzwischen auch trauen würde, das einfach zu tun. (Das Vorhaben scheiterte bislang neben finanziellen Unwägbarkeiten vor allem am Fehlen eines entsprechenden Mit-Interessenten für die zugehörige Reise.)
My Сокол’d Life wäre ein Beitrag mit dem nebenstehenden multitypographischen Wortwitz geworden (Сокол, transskribiert Sokol, ist der Ort der den zu Magadan gehörigen Flughafen beheimatet) und hätte versucht zu thematisieren, wie sehr mich der dreiwöchige Aufenthalt zu Joxannas Hochzeit gerade verändert hatte und dass ich hoffentlich in der Zukunft (also jetzt so) verstehen oder beschreiben könne, wie. (SPOILER: Kann ich nicht.)
Ghost of Christmas Past hätte im vergangenen Dezember mit einem Jahr Verspätung (weil ich schon ein Jahr zuvor nicht rechtzeitig zum Schreiben des Eintrags gekommen war) erzählt, wie ich anno 2007 Weihnachten verstanden habe, als ich den Heiligabend mit Johanna, die Weihnachten arbeiten musste, und Stini in Bremerhaven verbrachte und zum ersten Mal in meinem Leben nicht den Kitsch oder den bei mir in der Familie ab ca. 14 Uhr anzutreffenden latenten Stress aller Beteiligten wahrnahm, sondern in diesem Fall zwei Damen, die, mit interessiert-faszinierter Unterstützung meinerseits, einfach einen Abend gestalten wollten, der schlicht schön und irgendwie besonders (um die Worte "festlich" und "feierlich", oder gar "besinnlich", im laufenden Satz zu meiden) ist. Und das hat funktioniert. Wenn's auch in Bremerhaven war.
Why So Green and Lonely? wäre etwa zum selben Zeitpunkt erschienen und hätte — ebenfalls mit deutlicher Verspätung, sogar noch lange nach dem hier mehrfach subtil angedeuteten Konzert — mir endlich erlaubt, davon zu berichten, wie mir Radiohead im Herbst/Winter 2007 als "emotionaler Schleimlöser" diente, also wie das Hören der einstmals nicht gemochten Radiohead-Alben diesseits von "OK Computer" meine Gefühle (insbesondere beim erneuten Lesen eines John-Eldredge-Buches*** an die Oberfläche zu befördern und zu verstärken — eine Rolle, die inzwischen eher von Ludovico-Einaudi-CDs eingenommen wird.
Ars gratia artis hätte von einer dreiviertelstündigen Spontandiskussion im Flur des Drei-Mädels-Hauses (vulgo Fuhle-WG) zwischen drei MusikerInnen, einer Designerin und einem Schriftsteller erzählt, die entstand, als ich eigentlich gerade gehen wollte und für alle völlig unvorbereitet drei bis vier völlig unterschiedliche Motivationen für und Herangehensweisen an, insbesondere christliche, Kunst im Allgemeinen gegenüberstellte. Wäre bestimmt faszinierend geworden, leider erinnere ich mich nur noch an das Wie, nicht mehr an das Was.
Sieben Stationen verliebt wäre eine melancholische … Bullshit, kleiner Scherz. Es gab da mal diese Kollegin (nein, nicht die), die mir vor jetzt fünfeinhalb Jahren meinen Berufseinstieg bei meinem derzeitigen Arbeitgeber versüßte, als ihr Bewerbungsfoto groß auf dem "Unsere Auszubildenden 2004"-Plakat, heute würde man wohl sagen, gefeatured wurde. (Man stelle sich Emmy Rossum in blonder und nicht ganz so aufdringlich niedlich vor.) Diese junge Dame saß mir eines Tages in der U-Bahn quasi gegenüber, was ich aber erst merkte, nachdem ich von Haarpracht und Lektüre (irgendwas von Bill Bryson im Original) begeistert war. Sieben U-Bahn Stationen später stieg sie aus, nicht ohne praktisch alle Sympathien zu verspielen, weil sie die aktuelle Buchseite als Lesezeichen umknickte.
Auge des Betrachters hätte sich, nachdem ich hoffentlich noch einen anderen Titel gefunden hätte, mit dem ungeschriebenen Gesetz unserer (?) Gesellschaft auseinandergesezt, die eigene Partnerin immer und ausnahmslos als die Schönste bezeichnen zu müssen, gleich wie abwegig das ist, schon rein statistisch. Ich fragte mich schon lange, und tue es noch heute, was von Ehrlichkeit in Form einer Aussage in Richtung "she may be prettier, but I don't care while I have you" zu halten wäre. (Mein Facebook-Beziehungsstatus ist nach wie vor "es ist kompliziert" — "in Scheidung" gab's nicht –, aber ich hoffe, die Betreffende bezieht das nicht zu sehr auf sich, denn daher rührt der Gedanke gar nicht — es wäre um gesellschaftlich aufgezwungene Lügen gegangen.)
Everyone Loves You, Why Should They Not ist eine Zeile aus einem Song von Aimee Mann ("Red Vines"), und der Beitrag wäre eine zweite Lobhudelung nach dem Kauf aller ihrer CDs geworden.
Schließlich hätte sich noch ein bislang titelloser Eintrag darum gedreht, dass es, wie mir damals gerade aufgefallen war, nicht unbedingt heuchlerisch ist, jemanden, den man eigentlich nicht mag, so zu behandeln als täte man es doch, weil es nicht notwendigerweise "hintenrum scheiße finden" einschließt. Spannenderweise hatte ich diese Erkenntnis, dem Datum des Eintrags nach zu urteilen, ein paar Monate bevor ich das, gänzlich ohne Erinnerung an diese Erkenntnis, ein paar Wochen erfolgreich, äh, ausleben musste.
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Ansonsten haben irgendwie alle ehemaligen Blognachbarn festgestellt, dass es ihnen reicht, ihre Gemütszustände bei Facebook zu veröffentlichen und der früher mal vorhandene Ansatz von Blogdialog fehlt etwas. Das mit Facebook kann ich irgendwie verstehen (und lese es auch), bloß kann ich mich absolut nicht dazu durchringen, dort selbst mehr Aktivität als die unbedingt notwendige zu zeigen.
Gibt es hier zukünftig wieder mehr Beiträge, also: gibt es hier zukünftig wieder Beiträge? Ich verspreche nichts, aber ich merke, dass es mir gefehlt hat.
Vielleicht hätte ich auch einfach die Einträge richtig schreiben und nicht nur andeuten sollen (was vermutlich ohnehin schon 50 % des Textvolumens und 80 % der Strukturierungsleistung entspricht), und ich hätte Content für Wochen gehabt…
- * Ich nehme mal an, der Ausdruck ist im weitesten Sinne von "Muse" abgeleitet. ^
- ** Und auch ohne Administratorrechte funktionierende, was ja unter Windows XP durchaus ein Thema war oder zumindest hätte gewesen sein sollen. ^
- *** Das sage ich jetzt im Vertrauen. (Auch dieser Scherz entstammt meinen Notizen von damals.) ^


